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Was ist Traceability? Nutzen und Herausforderungen in der Softwareentwicklung

Florian Antony Florian Antony 5 Min. Lesezeit
Was ist Traceability? Nutzen und Herausforderungen in der Softwareentwicklung

Standards wie Automotive SPICE, ISO 26262, IEC 61508 und DO-178B machen Traceability zu einem Pflichtbestandteil des Entwicklungsprozesses. Doch Traceability kann weit mehr leisten als nur den Nachweis der Standardkonformität. Dieser Artikel erklärt, was Traceability ist — und wie sie hilft, komplexe Projekte zu beherrschen.

Was ist Traceability?

Im wörtlichen Sinne ist Traceability (Rückverfolgbarkeit) die Fähigkeit, eine Spur zu verfolgen. In der Softwareentwicklung und Systemtechnik bezeichnet „Spur" die Beziehung zwischen zwei Entwicklungsartefakten. Traceability ist damit die Fähigkeit, Beziehungen zwischen Artefakten herzustellen und zu analysieren. Artefakte können Anforderungen, Testfälle, Elemente eines System- oder Softwaremodells, Dokumente, Code-Fragmente und vieles mehr sein.

Typische Beispiele: „Eine Anforderung wird durch einen Testfall verifiziert" oder „Eine Anforderung wird durch eine Komponente erfüllt."

Um solche Beziehungen rückverfolgbar zu machen, erstellt man Verknüpfungen zwischen Artefaktpaaren. Diese Links sind semantisch gerichtet — ausgedrückt durch Formulierungen wie „wird verifiziert durch" oder „wird erfüllt durch". Trotz dieser Richtung sollen die Verknüpfungen bidirektional analysierbar sein: Man kann prüfen, ob ein Testfall für eine Anforderung vorhanden ist, und umgekehrt die Begründung für einen Testfall herleiten.

Der bekannteste Ansatz, Traceability herzustellen, ist die Requirements Traceability Matrix (RTM). Wie man eine RTM Schritt für Schritt aufbaut, beschreiben wir in unserem Leitfaden zur Requirements Traceability Matrix. Hier konzentriere ich mich darauf, was man tun kann, wenn die Daten erst einmal vorhanden sind.

Vorteile von Traceability

Traceability strukturiert Projektdaten als semantische Beziehungen zwischen Artefakten und ermöglicht damit zwei Analysekategorien.

Was ist verknüpft?

Das Aufspüren bestehender Verbindungen — direkte Links wie in einer Traceability-Matrix oder Ketten von Links — bezeichnet man als Impact Analysis. Sie betrachtet einzelne Artefakte und deren Verbindungen und hilft bei Fragen wie:

  • „Welche Teile des Systems sind von diesem Change Request betroffen?"
  • „Ein Test schlägt fehl. Welche Anforderungen werden nicht korrekt erfüllt?"

Was ist nicht verknüpft?

Fehlende Verknüpfungen sind Indikatoren für offene Arbeitsschritte. Ist eine Anforderung nicht mit einem Testfall verbunden, wurde sie wahrscheinlich nicht getestet — oder noch nicht umgesetzt. Die Analyse fehlender Verknüpfungen heißt Coverage-Analyse: Eine Anforderung ist „durch einen Testfall abgedeckt", wenn sie — direkt oder indirekt — mit einem Testfall verknüpft ist. Coverage-Analysen sind ein zuverlässiger Indikator für den Projektfortschritt.

Was verrät uns Traceability noch?

Impact- und Coverage-Analyse werten die bloße Existenz von Links aus. Bezieht man zusätzlich die Semantik der Verlinkung, den Artefaktstatus und weitere Attribute ein, steigt die Aussagekraft erheblich. Betrachte folgendes Szenario:

  • Anforderungen sind mit einem System verknüpft, das Aufwandsschätzungen für Umsetzung und Test enthält — z. B. ein Projektmanagement-Tool oder Bugtracker.
  • Aus der Coverage-Analyse weiß man bereits, welche Anforderungen ungetestet sind. Analog lässt sich ermitteln, welche Anforderungen umgesetzt sind.

Auf dieser Basis kann man nicht nur den Projektfortschritt auf Anforderungsebene messen, sondern auch den Restaufwand direkt berechnen — ein zuverlässiger Indikator, ob der nächste Meilenstein gehalten werden kann. Die besten Entscheidungen basieren auf echten Daten, nicht auf Annahmen.

Voraussetzung für Traceability ist, dass jedes Artefakt eindeutig identifizierbar ist. Ist das gegeben, entsteht durch die Verlinkung ein Graph mit Artefakten als Knoten und Beziehungen als Kanten. Diese Links lassen sich — ähnlich wie Hyperlinks im Browser — zur Navigation über Werkzeuggrenzen hinweg nutzen. Die folgende Abbildung zeigt die Navigation vom C-Code in einer IDE über Modellelemente in MATLAB Simulink bis zu den Anforderungen in IBM DOORS.

Animation zur werkzeugübergreifenden Navigation: von IDE-Quellcode über Simulink-Modellelemente zu Anforderungen in IBM DOORS

Herausforderungen im Bereich Traceability

Sinn und Zweck von Traceability ist es, Projektdaten zu strukturieren und faktenbasierte Einsichten zu gewinnen, auf deren Basis sich große, komplexe Projekte besser bewerten und steuern lassen. Mehrere Entwicklungen machen das zunehmend notwendig:

  • Projektkomplexität wächst schnell. Immer mehr Systeme werden intelligent — und arbeiten zusammen. Das bedeutet komplexere Software und mehr externe Schnittstellen. Eine empirische Studie aus dem Jahr 2013 belegte diesen Trend; seitdem hat sich die Lage weiter verschärft.
  • Projektgrößen wachsen schnell. Systeme werden nicht nur intelligent, sondern autonom. Deep Learning und neuronale Netzwerke erfordern umfangreiche Begleitung (Lerndaten, Testfälle). In der Automobilindustrie sind Projekte im Bereich autonomes Fahren 100-mal größer als typische Steuergeräte-Projekte.
  • Standards werden immer wichtiger. Reifegradmodelle wie Automotive SPICE und Standards wie ISO 26262 helfen Teams, Prozesse zu verbessern und die eigene Prozessreife gegenüber Kunden nachzuweisen. Weil Traceability genau dabei hilft, ist sie obligatorischer Bestandteil vieler dieser Standards.

Diese Herausforderungen zu meistern erfordert Traceability-Vorteile, die über Datenanalysen hinausgehen:

  • Datensynchronisation zwischen Werkzeugen. Auf Basis von Traceability-Daten können Anforderungen im Modellierungswerkzeug angezeigt und verknüpft werden — und bei Bedarf zurück ins Anforderungsmanagement-Tool geschrieben werden.
  • Historie der Artefakte und ihrer Beziehungen. Traceability-Daten ermöglichen Vergleiche einzelner Artefakte („Anforderung 345 hatte eine Textänderung — hier das Delta") und aggregierter Daten („seit letzter Woche: 23 neue Anforderungen, Testabdeckung von 83 % auf 92 % gestiegen").
  • Aussagekräftige Berichte mit Drill-Down-Funktionalität. Drill-Downs — die Navigation vom Aggregat zu den Details — helfen enorm bei der Beherrschung von Projektkomplexität. Für das Beispiel mit 92 % Testabdeckung könnte ein Drill-Down die nicht abgedeckten Anforderungen pro Subsystem und dann für einzelne Anforderungen auflisten.
  • Schnelle und konsistente Verlinkung. Wenn automatische Link-Ableitung nicht möglich ist, muss manuell verlinkt werden — oft in großer Zahl. Werkzeugunterstützung für effizientes, konsistentes Verlinken ist entscheidend.

Animation zur Massenverlinkung in itemis ANALYZE für schnelles und konsistentes Verknüpfen von Artefakten

Fazit

Traceability hilft dabei, Projektdaten zu strukturieren und zu analysieren — und das werkzeugübergreifend. Das ist besonders wertvoll bei heterogenen Tool-Landschaften. Schnell wachsende Projektgrößen und unzureichende Interoperabilität der Werkzeuge machen die Herausforderung real. Ein dediziertes Traceability-Tool, das die bestehende Toolkette integriert, macht aus Traceability als Compliance-Pflicht einen echten Projektvorteil.


Requirements Traceability in der Praxis — Wie durchgängige Traceability in regulierten Projekten wirklich funktioniert, welche Werkzeuge sich bewährt haben und wann der RTM-Ansatz an seine Grenzen stößt: Requirements Traceability bei itemis →

Florian Antony

Principal Software Engineer & IT Consultant

Florian Antony ist Principal Software Engineer und IT Consultant bei itemis. Sein Fokus liegt auf Softwarearchitektur, Security Engineering und Traceability für komplexe Entwicklungsumgebungen. Mit langjähriger Erfahrung in Automotive- und Technologieprojekten begleitet er Unternehmen bei der Umsetzung von ISO 26262 und ISO/SAE 21434 sowie bei der Entwicklung nachhaltiger Tool- und Plattformlösungen.

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