Für europäische Verwaltungen und Unternehmen wird digitale Souveränität zur strategischen Frage. Auf der OOP 2027 in München bekommt das Thema einen eigenen Track, in dem Operaton-Mitgründer Tim Zöller über die Frage spricht, warum wir eine Prozessengine geforkt haben und warum Open Source nicht vor Vendor Lock-in schützt.
Was Souveränität für mich bedeutet
Digitale Souveränität heißt für mich vor allem Herstellerunabhängigkeit. Mit Blick auf Europa kommt ein zweiter Punkt dazu: Kerntechnologien sollten maßgeblich hier entwickelt werden, und zwar von Menschen und Organisationen, die nicht von den strategischen Entscheidungen eines einzelnen Konzerns abhängen.
Open Source ist dafür ein Schlüsselfaktor. Auf der Ebene der Basistechnologie arbeiten Entwicklerinnen und Entwickler offen zusammen, über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg. Den Code kann jeder einsehen, prüfen und weiterentwickeln, und niemand kann ihn nachträglich wieder einsammeln.
Open Source ist nicht automatisch unabhängig
Allerdings bedeutet Open Source noch keine Herstellerunabhängigkeit. In vielen Projekten dominiert ein einzelnes Unternehmen die Entwicklung. Entscheidet es, die Software nicht mehr weiterzuführen oder unter eine andere Lizenz zu stellen, sitzen die Anwender in der Falle. Beispiele gab es in den letzten Jahren genug:
- MinIO wechselte 2021 von Apache 2.0 zur AGPL, entfernte 2025 die Verwaltungsoberfläche aus der Community Edition und versetzte diese Ende 2025 in den Wartungsmodus.
- MySQL landete mit der Übernahme von Sun bei Oracle, worauf MySQL-Mitgründer Michael Widenius mit MariaDB einen Fork startete.
- Terraform stellte HashiCorp 2023 auf die Business Source License um; die Community antwortete mit OpenTofu unter dem Dach der Linux Foundation.
- Und Camunda: Die Community Edition von Camunda 7 hat ihr End-of-Life erreicht, und der Nachfolger Camunda 8 ist für den produktiven Einsatz nicht mehr frei lizenziert.
Das Muster ist immer ähnlich: Solange ein Hersteller die Marke, die Roadmap und die Mehrheit der Committer kontrolliert, hängt die Zukunft der Software an dessen Geschäftsmodell.
Warum itemis Operaton unterstützt
BPMN und Prozessautomatisierung sind für viele Unternehmen keine Randthemen, auf ihnen laufen geschäftskritische Abläufe. Deshalb unterstützen wir bei itemis Operaton, den freien Nachfolger der Camunda 7 Engine, der nach dem Ende der Community Edition entstanden ist.
Das Projekt hat sich ein klares Ziel gesetzt: Die Software ist frei, bleibt frei und wird nicht von den Interessen eines einzelnen Unternehmens gelenkt. Um das auch rechtlich abzusichern, ist gerade ein Verein in Gründung. Er soll die Namensrechte an Operaton halten und die Aufgabe übernehmen, die Engine nachhaltig weiterzuentwickeln.
Dass das Thema in der Praxis ankommt, zeigt auch das Beispiel einer großen öffentlichen Forschungseinrichtung in Deutschland, die ihre interne IT-Strategie ausdrücklich auf digitale Souveränität ausgerichtet hat. Details dürfen wir nicht nennen, aber die Committer des Operaton-Projekts stehen mit den Verantwortlichen dort im Austausch. Wo Operaton bereits in der öffentlichen Verwaltung läuft, beschreiben wir im Artikel Operaton in der öffentlichen Verwaltung.
Nachhaltigkeit kostet etwas
Nachhaltigkeit ist bei freier Software allerdings schwierig. Quelloffen und ohne Lizenzkosten heißt nicht, dass die Weiterentwicklung umsonst ist. Wer Operaton oder ein anderes Open-Source-Projekt produktiv einsetzt, sollte im eigenen Interesse in dessen Zukunft investieren. Das muss nicht einmal Geld sein; Entwicklungskapazität hilft genauso, und auch Öffentlichkeitsarbeit zählt. Je mehr Leute wissen, dass ein Produkt in einer Branche erfolgreich läuft, desto eher trauen sich andere, es ebenfalls einzuführen.
Im KI-Zeitalter wird das noch dringender. Eine BPMN-Engine, auf der unternehmenskritische Prozesse laufen und die von vielen Anwendern genutzt wird, braucht regelmäßige Updates; KI-Werkzeuge finden Schwachstellen inzwischen in einem Tempo, das mit der Geschwindigkeit der Softwareentwicklung selbst mithält. Dazu kommt der Unterbau: Eine Engine wie Operaton hängt von einem beachtlichen Stack an Bibliotheken ab, der quasi täglich neue Releases liefert. Jedes davon muss jemand integrieren, testen und ausliefern.
Bei Operaton ist das fest eingeplant: Die Roadmap sieht halbjährliche Feature-Releases und monatliche Patch-Releases vor, und nächtliche Integrations-Builds stellen kritische Security-Patches bei Bedarf noch schneller bereit. Nach unserem Kenntnisstand ist Operaton der einzige Camunda-7-Fork, der Security-Updates in dieser Frequenz öffentlich und frei zur Verfügung stellt. Das sollte selbstverständlich sein, ist es aber nicht: Es gibt Forks, deren Security-Updates nur in der kostenpflichtigen Variante erscheinen. Eine Community Edition ohne zeitnahe Sicherheitsupdates ist mit den Sicherheitsrichtlinien der meisten Organisationen nicht vereinbar und damit für den produktiven Einsatz de facto unbrauchbar.
Souveränität heißt mittragen
Digitale Souveränität bedeutet deshalb zweierlei: auf Open Source zu setzen und dafür zu sorgen, dass sich diese Software unabhängig und nachhaltig weiterentwickeln kann. Das muss niemand allein stemmen. Es reicht, wenn jeder Anwender seinen Teil zu den Entwicklungskosten beiträgt, über Support-Verträge, Mitarbeit oder direkte Förderung.
Wir bei itemis haben verstanden, dass Open Source auch Verantwortung bedeutet, und beteiligen uns aktiv an Projekten wie Operaton. Und wie gehen Sie mit Open Source um?
Custom Software bei itemis — Von der Camunda-7-Migration bis zur produktiven BPMN-Plattform auf Operaton-Basis: Custom Software →