Als wir im Herbst 2024 mit Operaton angefangen haben, ging es vor allem um eine Frage: Was passiert mit den vielen Camunda-7-Installationen, wenn die Community Edition ausläuft? Zwei Jahre später stellen wir fest, dass ein erheblicher Teil der Antwort aus der öffentlichen Verwaltung kommt. Behörden und Kommunen in den Niederlanden und in Deutschland setzen Operaton produktiv ein, oft ohne dass es außerhalb der jeweiligen Projekte jemand mitbekommt.
Niederlande: vier Großstädte und die Studienfinanzierung
Am weitesten ist die Entwicklung in den Niederlanden. Das Unternehmen Ritense entwickelt mit Valtimo eine Low-Code-Plattform für Fallbearbeitung und Prozessautomatisierung, die speziell auf Kommunen zugeschnitten ist. Unter der Haube arbeitet Operaton als Workflow-Engine. Über Valtimo läuft Operaton damit in den vier größten Gemeinden des Landes: Amsterdam, Rotterdam, Utrecht und Den Haag. Wie es dazu kam, hat Jaap Bakker von Ritense in seinem Vortrag zum Erfolg von Operaton in den Niederlanden erzählt.
Auch kleinere Gemeinden ziehen nach. Heusden etwa nutzt Operaton für den Heusden Pass und bildet die Entscheidungslogik dafür in DMN ab. Steven Gort hat das Beispiel in seinem Vortrag zum Operaton DMN Evaluator Plugin für WordPress Gravity Forms vorgestellt: Die Bürgerinnen und Bürger füllen ein Webformular aus, und Operaton wertet die DMN-Regeln dahinter aus.
Ein zweites Einsatzfeld liegt bei der Finanzierung von Studierenden, also einem Bereich mit hohen Fallzahlen, klaren Regeln und wenig Toleranz für Ausfälle. Für eine Workflow-Engine ist das ein ziemlich guter Härtetest.
Deutschland: FIT-Connect und erste größere Installationen
In Deutschland ist FIT-Connect der sichtbarste Fall. Die Infrastruktur der FITKO transportiert Anträge aus Onlinediensten sicher zu den zuständigen Fachverfahren; in der Referenzimplementierung kommt Operaton zum Einsatz. Dass das so reibungslos geklappt hat, ist zu einem guten Teil Julian Haupt zu verdanken. Er ist Inhaber von backoffice.plus, dessen Produkt auf Operaton setzt, und einer der Kernentwickler des Projekts. Außerdem hat er regelmäßig an den Jour Fixes von FIT-Connect teilgenommen und den FIT-Connect-Adapter für Operaton gebaut. Danke dafür, Julian.
Darüber hinaus sehen wir Signale für größere Installationen in der Finanzverwaltung und bei Kommunen. Konkreter können wir an dieser Stelle noch nicht werden. Und das führt zu einem Problem, das viele Open-Source-Projekte kennen: Viele führen Operaton ein, wenige stellen es in den Medien dar. Mit Linux ist es ähnlich: Es läuft in Millionen Fernsehern, Routern und Autos, aber kein Hersteller schreibt es auf die Verpackung, und kaum ein Käufer fragt danach. Operaton steckt genauso unsichtbar in Fachverfahren und Produkten wie Valtimo. Im Vordergrund stehen die Prozesse, die damit laufen, und das ist auch richtig so. Nur erfährt dadurch kaum jemand, wie viel inzwischen auf Operaton läuft. Wir arbeiten deshalb an einer Referenzliste auf operaton.org, und dem Thema widmen wir einen eigenen Artikel.
Warum Operaton gerade für Verwaltungen passt
Mit dem End-of-Life der Camunda 7 Community Edition stehen viele Verwaltungen vor einer Entscheidung. Behörden haben in den letzten Jahren viel Prozesslogik in BPMN modelliert, und ein großer Teil davon läuft auf Camunda 7. Operaton ist aus diesem Code hervorgegangen und bleibt API-kompatibel, sodass bestehende BPMN- und DMN-Modelle, Java-Delegates und Integrationen weiter funktionieren. Bei einer Migration tauscht man vor allem Dependencies und Paketnamen aus und testet gründlich; einen Neubau braucht es dafür nicht. Wie das in der Praxis aussieht, habe ich auf der BaselOne 2025 im Vortrag „Camunda 7 ist tot – lang lebe Operaton!“ gezeigt und im Interview vor Ort erläutert.
Gleichzeitig haben wir die Codebasis gründlich modernisiert: aktuelle Java-Versionen, Jakarta EE, aktuelles Spring Boot, veraltete Komponenten raus. Für Verwaltungs-IT, die ihre Betriebsumgebungen ohnehin auf Container und Cloud-Native Development umstellt, ist das ein handfester Grund, nicht beim Altstand stehenzubleiben.
Digitale Souveränität braucht mehr als eine Lizenz
Operaton steht unter einer freien Open-Source-Lizenz und gehört keinem einzelnen Hersteller. Für eine Verwaltung heißt das: Kein Anbieter kann die Lizenzbedingungen ändern, eine Edition einstellen oder den Preis für den Weiterbetrieb diktieren. Genau diese Erfahrung haben viele Camunda-7-Anwender gerade hinter sich. Warum Open Source allein dafür nicht reicht, erklärt der Artikel Digitale Souveränität beginnt bei Open Source.
Freie Software allein garantiert allerdings noch keinen verlässlichen Betrieb über zehn oder fünfzehn Jahre, und genau so lange laufen Fachverfahren in der Verwaltung oft. Dafür braucht es Menschen und Unternehmen, die das Projekt tragen. Rund um Operaton hat sich ein Netzwerk aus nationalen und internationalen Firmen gebildet, die professionellen Support anbieten und aktiv an der Engine mitentwickeln; itemis gehört dazu. Warum sich Unternehmen bewusst dafür entscheiden, ihr Geschäft auf freie Software zu bauen, beschreibt Rutger Haagsma, Mitgründer von Ritense, in seinem Beitrag „Why we dedicated to open source“. Damit das Projekt auch formal unabhängig bleibt, gründen wir gerade einen Verein, der Operaton künftig trägt. Die konstituierende Sitzung hat bereits stattgefunden, die Eintragung beim Registergericht steht noch aus.
Dass sich das herumspricht, haben wir Anfang Oktober 2026 auf der All About Process Management gemerkt, wo wir gemeinsam mit unserem strategischen Partner Flowset vertreten waren, der Tools und Anwendungen ergänzend zu Operaton entwickelt: Die Fragen kamen auffällig oft aus dem öffentlichen Sektor.
Was Verwaltungen jetzt tun können
Wer Camunda 7 im Einsatz hat, kann Operaton ohne Lizenzkosten parallel evaluieren, am besten mit einem echten Fachverfahren statt einer Demo. Wer neu startet, sollte bei der Auswahl der Prozessplattform nicht nur Funktionen vergleichen, sondern auch prüfen, wer in zehn Jahren noch Fehler behebt und Sicherheitsupdates liefert. Bei Operaton lässt sich diese Frage mit mehreren unabhängigen Anbietern beantworten.
Weitere Informationen zum Projekt: operaton.org
Custom Software bei itemis — Von der Camunda-7-Migration bis zur produktiven BPMN-Plattform auf Operaton-Basis: Custom Software →