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Automotive & Industrial Cybersecurity

ISO/SAE 21434 und IEC 62443 in der Praxis

Cybersecurity ist für vernetzte Produkte keine Kür mehr, sondern Marktzugangsvoraussetzung. Im Automotive-Bereich macht die UNECE-Regelung R155 ein Cybersecurity Management System (CSMS) zur Bedingung für die Typgenehmigung. Im industriellen Umfeld setzt die IEC 62443 den Maßstab für Anlagen, Steuerungen und kritische Infrastruktur. Beide Welten teilen dieselbe Logik: Bedrohungen systematisch bewerten, Sicherheit über den gesamten Lebenszyklus belegen und das Ganze audit-fähig dokumentieren. Wer Produkte mit Software und Schnittstellen baut, kommt an einem oder beiden Standards nicht vorbei.

Zwei Standards, eine Disziplin

Automotive und Industrial Cybersecurity

ISO/SAE 21434

Automotive Cybersecurity Engineering über den gesamten Fahrzeug-Lifecycle: von Konzept und Entwicklung bis zur Außerbetriebnahme.

IEC 62443

Industrial & OT-Security für Industriesteuerungen, Automatisierungssysteme, Energieversorgung und kritische Infrastruktur.
ISO/SAE 21434

Was ist ISO/SAE 21434?

ISO/SAE 21434 «Road vehicles — Cybersecurity engineering» (veröffentlicht im August 2021) beschreibt einen durchgängigen Cybersecurity-Engineering-Prozess über den gesamten Fahrzeug-Lebenszyklus: von Konzept und Entwicklung über Produktion und Betrieb bis zur Außerbetriebnahme.

Für wen gilt die Norm?

Sie gilt für elektrische und elektronische Systeme in Straßenfahrzeugen, deren Komponenten und Schnittstellen. Verbindlich ist sie für OEMs ebenso wie für die gesamte Lieferkette: Tier-1- und Tier-2-Supplier müssen ihren Beitrag zur Fahrzeug-Cybersecurity nachweisbar erbringen.

Die vier Kernelemente

  • Cybersecurity Management System (CSMS): organisatorische Verankerung über alle Projekte hinweg.
  • Risikobasierter Ansatz: jede Maßnahme wird aus einer Bedrohungs- und Risikoanalyse (TARA) abgeleitet.
  • Lifecycle-Abdeckung: Cybersecurity-Aktivitäten in jeder Entwicklungsphase, plus Monitoring und Incident Response im Feld.
  • Distributed Cybersecurity Activities: klare Verteilung der Verantwortung zwischen OEM und Suppliern über das Cybersecurity Interface Agreement.

Was bedeutet ISO 21434 für Tier-1-Supplier?

Der Tier-1 erbt die Anforderungen des OEM und muss sie nachweisbar erfüllen, oft für viele Varianten parallel. Genau hier wird eine konsistente, wiederverwendbare TARA zum Engpass oder zum Wettbewerbsvorteil.

TARA

TARA: die zentrale Methode der ISO 21434

Die Threat Analysis and Risk Assessment (TARA) ist das Herzstück von ISO 21434. Sie identifiziert schützenswerte Assets, leitet Bedrohungsszenarien ab, bewertet Schadenspotenzial und Angriffswahrscheinlichkeit und priorisiert daraus die Sicherheitsmaßnahmen.

In der Praxis scheitert die TARA selten am Konzept, sondern an Umfang und Pflege. Tabellenbasierte TARAs altern schnell, die Qualität schwankt je nach Bearbeiter, und bei jeder Änderung beginnt die Bewertung faktisch von vorn.

itemis SECURE macht die TARA modellbasiert: Bedrohungen, Angriffspfade und Maßnahmen hängen an einem konsistenten Modell. AI Assistants schlagen Bedrohungen und Angriffsbäume vor, und Änderungen propagieren durch das Modell, statt manuell nachgezogen zu werden. Laut itemis senkt die agentische Automatisierung den TARA-Aufwand um bis zu 80 %, bei voller Human-in-the-Loop-Kontrolle.

Dieselbe TARA-Methodik trägt auch den Cyber Resilience Act: Details im Spoke Cyber Resilience Act.

UNECE R155

ISO 21434 und UNECE R155: der regulatorische Hebel

ISO 21434 ist eine Norm, R155 ist Pflicht. Die UN-Regelung Nr. 155 verlangt für die Typgenehmigung ein nachgewiesenes Cybersecurity Management System. ISO 21434 ist der technische Rahmen, mit dem Hersteller diesen Nachweis führen.

Die Fristen

  • Seit Juli 2022: verpflichtend für alle neuen Fahrzeugtypen.
  • Seit Juli 2024: verpflichtend für alle neu produzierten und verkauften Fahrzeuge, auch bestehende Typen.
  • Ab Dezember 2027: CSMS-Pflicht auch für Krafträder.

Ohne belastbares CSMS und ohne dokumentierte TARA keine Typgenehmigung, und damit kein Marktzugang. Das verschiebt Cybersecurity von der technischen Empfehlung zur kommerziellen Voraussetzung.

IEC 62443

IEC 62443: industrielle und OT-Security

Wo ISO 21434 das Fahrzeug adressiert, deckt IEC 62443 die Operational Technology ab: Industriesteuerungen, Automatisierungssysteme, Energieversorgung und kritische Infrastruktur. Die Normenreihe richtet sich an alle Rollen, vom Komponentenhersteller über den Systemintegrator bis zum Asset Owner, der die Anlage betreibt.

Zonen und Conduits

Das Grundprinzip ist Segmentierung. Assets mit ähnlichem Schutzbedarf werden zu Zonen gruppiert, die Kommunikation zwischen Zonen läuft über kontrollierte Conduits. So entsteht eine verteidigbare Architektur statt eines flachen Netzes, oft orientiert am Purdue-Modell der Fertigungsebenen.

Security Level SL1 bis SL4

  • SL1: Schutz gegen zufälligen oder versehentlichen Missbrauch.
  • SL2: Schutz gegen vorsätzliche Angriffe mit einfachen Mitteln.
  • SL3: Schutz gegen organisierte Angreifer mit moderaten Ressourcen.
  • SL4: Schutz gegen Angreifer auf staatlichem Niveau mit hohem Aufwand.

Wichtig: Der Security Level ist kein Einzelwert, sondern ein Vektor über sieben Foundational Requirements. Jede Zone und jeder Conduit erhält ein eigenes Schutzniveau, abgeleitet aus dem Risiko, nicht pauschal verordnet.

Die relevanten Normteile

  • 62443-2-1: CSMS-Anforderungen an den Asset Owner.
  • 62443-3-3: System-Security-Anforderungen und Security Level.
  • 62443-4-1: sicherer Produktentwicklungs-Lifecycle.
  • 62443-4-2: technische Anforderungen an einzelne Komponenten.
Standards im Vergleich

ISO 21434 oder IEC 62443: wann gilt welcher Standard?

Die kurze Antwort: ISO 21434 für Straßenfahrzeuge und ihre Komponenten, IEC 62443 für industrielle Automatisierung und OT. Die längere Antwort ist interessanter, weil viele Hersteller heute beides brauchen.

Ein Zulieferer, der Steuergeräte für Fahrzeuge und für Industrieanlagen baut, steht vor beiden Normen gleichzeitig. Die gute Nachricht: Die methodische Basis ist verwandt. Beide arbeiten risikobasiert, beide verlangen Security über den Lifecycle, beide stützen sich auf eine strukturierte Bedrohungsanalyse.

Und beide zahlen auf den Cyber Resilience Act ein, der als horizontale EU-Verordnung über beiden liegt. Wer seine TARA-Methodik einmal sauber aufsetzt, bedient ISO 21434, IEC 62443 und CRA aus einem Modell, statt drei getrennte Nachweiswelten zu pflegen. Für Produkte mit gleichzeitiger Sicherheitsrelevanz gilt das auch für ISO 26262 und IEC 61508: HARA und TARA teilen denselben Systemschnitt: Safety schützt die Umwelt vor dem System, Security das System vor der Umwelt.

itemis SECURE

Umsetzung mit itemis SECURE: Agentic Cybersecurity

itemis SECURE ist die modellbasierte Plattform für beide Standards. Statt fragmentierter Tabellen entsteht ein lebendes Sicherheitsmodell: TARA, Risikobewertung, Maßnahmenverfolgung und Reporting in einem Werkzeug, mit AI-Unterstützung für Bedrohungsintelligenz und Angriffsbäume und mit Dokumentation, die audit-fähig ausfällt.

Der Hebel liegt in Wiederverwendung und Pflege. Eine einmal modellierte TARA lässt sich über Varianten skalieren, neue Schwachstellen fließen ins Modell, und der Compliance-Nachweis ist ein Nebenprodukt der Arbeit, kein separater Kraftakt vor dem Audit.

Agentisch auf einem deterministischen Modell

Der KI-Support ist kein aufgesetztes Add-on. Die agentischen Fähigkeiten sitzen auf einer deterministischen Modellschicht, damit die KI nicht im luftleeren Raum arbeitet, sondern den vollständigen TARA-Kontext nutzt. Über die Cybersecurity Lifecycle Integration verbindet das System Anforderungen, Architekturkomponenten und Software-Schwachstellen mit durchgängiger Nachverfolgbarkeit direkt im Sicherheitsmodell. Die Schwerarbeit läuft automatisiert, der Experte behält die Kontrolle, und jede Schlussfolgerung gründet auf echten Engineering-Daten.

Was die KI konkret übernimmt

  • Conversational TARA: Risikoanalysen über eine natürliche Sprachschnittstelle erstellen, bearbeiten und verfeinern.
  • Eingebetteter TARA-Experte: ein integrierter Assistent bringt Domänenwissen ein und schlägt komplexe Bedrohungsszenarien proaktiv vor.
  • Volle Kontext-Awareness: die Engine kennt Anforderungen, SysML-Modelle und frühere TARAs. Alle Vorschläge sind an der konkreten Architektur verankert.
  • Deterministische Governance: jeder KI-Vorschlag wird gegen ein modellbasiertes Regelwerk geprüft und hält sich an Regelsätze und Industriestandards.
  • Human-in-the-Loop: alle Vorschläge sind versioniert und zeigen, wo und wann die KI etwas vorgeschlagen hat, prüfbar, anpassbar, verwerfbar.

Typische Anwendungsfälle

  • TARA-Review und Vollständigkeitsprüfung: Abgleich des Modells gegen bekannte Bedrohungsmuster deckt blinde Flecken, fehlende Assets und unplausible Angriffspfade auf.
  • Agentisches Triage und Vulnerability-Sync: assistiertes Triage der SBOM-Schwachstellen mit automatisch vorgeschlagenen TARA-Updates und erweiterten Angriffsbäumen auf Basis neuer CVEs.
  • Automatische Item Definition: beschleunigte Erzeugung aus vorhandenen Artefakten wie Anforderungen, Spezifikationen und Architekturdiagrammen.
  • Interview-Modus: der Agent stellt gezielte Fragen zum System und befüllt das Modell automatisch, statt den Nutzer durch Menüs zu schicken.

Architektur und Geschäftsnutzen

SäuleFunktionNutzen
Lifecycle ManagementDurchgängige Security-Traceability über Entwicklung und ProduktlebenszyklusEliminiert nahezu die gesamte manuelle Dokumentenarbeit für Audits
Model-Based GovernanceBranchenspezifische Regelsätze, Plausibilitäts- und KonsistenzprüfungenKI-Vorschläge passen zu Richtlinien und regulatorischen Vorgaben
Agentic AutomationKontextbewusste, automatisierte Erzeugung von TARA-Elementen mit Human-in-the-LoopBis zu 80 % weniger TARA-Zeit
Live Vulnerability SyncKontinuierliches Triage von SBOM-Komponenten und CVEsLebende Dokumente für ISO/SAE 21434, IEC 62443 und CRA

Laut itemis senkt die agentische Automatisierung den TARA-Aufwand um bis zu 80 %, bei voller Human-in-the-Loop-Kontrolle. So halten auch kleine Teams eine lebende Sicherheitslage und bedienen ISO/SAE 21434, IEC 62443 und CRA aus einem Modell.

itemis SECURE ist bei Cybersecurity-Teams in Automotive und Industrie im Einsatz, darunter ZF, AVL und Sygic.

Häufige Fragen

Häufige Fragen zu ISO 21434 und IEC 62443

Ist ISO/SAE 21434 verpflichtend?
Die Norm selbst ist nicht gesetzlich verpflichtend. Über die UNECE R155 ist ein Cybersecurity Management System jedoch Voraussetzung für die Typgenehmigung. ISO 21434 ist der anerkannte technische Rahmen für diesen Nachweis. Faktisch führt für OEMs und ihre Supplier kein Weg daran vorbei.
Was ist der Unterschied zwischen ISO 21434 und IEC 62443?
ISO 21434 adressiert Cybersecurity Engineering für Straßenfahrzeuge; IEC 62443 regelt die Sicherheit industrieller Automatisierungssysteme und OT. Beide arbeiten risikobasiert und lifecycle-orientiert. Hersteller, die in beiden Domänen tätig sind, können dieselbe TARA-Methodik für beide Nachweise nutzen.
Was ist eine TARA?
Die Threat Analysis and Risk Assessment identifiziert schützenswerte Assets, leitet Bedrohungsszenarien ab, bewertet Schadenspotenzial und Angriffswahrscheinlichkeit und priorisiert daraus Sicherheitsmaßnahmen. Sie ist die zentrale Methode der ISO 21434 und Grundlage jedes Cybersecurity-Nachweises.
Welche Security Level definiert IEC 62443?
Vier Stufen: SL1 (Schutz gegen versehentlichen Missbrauch) bis SL4 (Schutz gegen staatlich finanzierte Angreifer). Der Security Level ist ein Vektor über sieben Foundational Requirements und wird je Zone und Conduit aus dem Risiko abgeleitet.
Hilft ISO 21434 auch beim Cyber Resilience Act?
Ja. Der CRA verlangt wie ISO 21434 und IEC 62443 eine risikobasierte Bedrohungsanalyse und Lifecycle-Security. Eine sauber aufgesetzte, modellbasierte TARA bedient alle drei Regelwerke aus einem Modell.
Unsere Experten
Dirk Leopold

Executive Vice President Digital Engineering · itemis AG

Dirk Leopold schlägt die Brücke zwischen komplexen Engineering-Anforderungen und Cybersicherheitsstandards in Automotive und Industrial IoT. Als treibende Kraft hinter itemis SECURE verfügt er über Expertise in der Bedrohungsanalyse und Risikobewertung (TARA) sowie in „Security by Design"-Methodiken. Als Redner zeigt er, wie Standards wie die ISO/SAE 21434 und der Cyber Resilience Act (CRA) die Zukunft vernetzter Produkte beeinflussen. Er ist Mitbegründer und President von CRAIG, einer Online-Community zur Einführung des CRA in Europa.
Jens Bühl

Product Owner · itemis AG

Jens Bühl ist Product Owner bei itemis und ist seit 2019 auf Cyber-Security-Engineering sowie modellbasierte Bedrohungs- und Risikoanalysen spezialisiert. Er engagiert sich aktiv für die Standardisierung des openXSAM-Austauschformats in der Automotive Security Research Group (ASRG). Sein Fokus liegt auf der Automatisierung von Security-Prozessen und der Absicherung komplexer cyber-physischer Systeme nach ISO/SAE 21434 und IEC 62443.
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