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Funktionale Sicherheit

Industrial & Automotive Functional Safety: ISO 26262 & IEC 61508

Funktionale Sicherheit für sicherheitskritische Systeme: IEC 61508 als branchenübergreifender Mutterstandard für E/E/PE-Systeme, ISO 26262 als ihre automotive Ausprägung mit ASIL-Klassifizierung. Wir begleiten ASIL-D- und SIL-3-Programme von der Hazard Analysis bis zum Safety Case, mit itemis CREATE für die Modellierung und itemis ANALYZE für lückenlose Traceability.

Grundlagen

Funktionale Sicherheit: Brückenbauer zwischen Norm und Praxis

Funktionale Sicherheit ist nicht verhandelbar. Der Weg dorthin muss jedoch in jedem Projekt neu erarbeitet werden – im Spannungsfeld zwischen den strikten Forderungen der Safety-Normen und den gewachsenen Architekturen sowie Prozessen eines bestehenden Produkts.

itemis begleitet diese Übersetzungsarbeit seit vielen Jahren branchenübergreifend. Überall dort, wo ein Systemversagen Menschen gefährden kann, bringen wir Struktur in die Compliance:

  • Automotive: ISO 26262
  • Medizintechnik: IEC 62304, IEC 60601 & ISO 80601
  • Bahntechnik: EN 50716 & EN 50129
  • Agrartechnik: ISO 25119
  • Maschinenbau: IEC 62061
  • Luftfahrt: DO-178C

Die gemeinsame Wurzel: All diese Sektornormen basieren auf der IEC 61508. Wer nur eine einzige Ableitung kennt, hält deren Eigenheiten oft für Naturgesetze. Durch unsere branchenübergreifende Praxis verstehen wir die tieferen Absichten hinter den Anforderungen. Dieses Wissen setzen wir gezielt ein, um Prozesse zu optimieren, statt Normen nur blind zu befolgen.

Wir beraten nicht nur – wir befähigen (Enabler-Ansatz)

Unsere Rolle ist nie die des reinen Gutachters, der am Ende des Projekts ein Urteil abgibt und geht. itemis versteht sich als Enabler: Wir befähigen Entwicklungsteams, Safety nicht als nachgelagerte Dokumentationspflicht, sondern als integralen, wertstiftenden Teil ihres Systems Engineering zu leben.

Diese Seite teilt genau dieses Praxiswissen. Sie ist Teil unserer cross-funktionalen Wissensplattform für ganzheitliche Compliance, beleuchtet die funktionale Sicherheit im Detail und zeigt auf, wo teilautomatisierte Verfahren heute schon verantwortbar Ingenieure unterstützen können.

Quo vadis

Quo vadis, Functional Safety Engineering?

Die Evolution zur „Living HARA"

Die Zukunft gehört der „Living HARA". Die Gefährdungsanalyse und Risikobewertung darf kein statisches Dokument mehr sein. Sie muss als fortlaufend gepflegtes Arbeitsergebnis behandelt werden, das direkt mit dem Systemmodell verknüpft ist und dynamisch auf Änderungen reagiert.

Das wird umso wichtiger, je kürzer die Entwicklungszyklen werden: Wo iterativ entwickelt wird und Systeme auch nach der Freigabe Updates erhalten (Over-the-Air), muss die Sicherheitsbewertung in jedem Zyklus kontinuierlich mitlaufen, statt nur einmalig zum Meilenstein zu entstehen.

Das Dokument verliert seine Rolle als einzige „Quelle der Wahrheit". Es wird stattdessen zu einer automatisch generierten Sicht auf ein zentrales Modell, in dem die eigentliche Information lebt. Dies funktioniert jedoch nur, wenn die Safety-Artefakte modellbasiert vorliegen und ihre Abhängigkeiten maschinell auswertbar sind. Analoges gilt selbstverständlich auch für die FMEA und die FTA.

Traceability: Das digitale Rückgrat der Sicherheit

Das Rückgrat dieser Verknüpfung ist die lückenlose Traceability. Erst eine durchgängige Ableitungskette vom obersten Sicherheitsziel über die verfeinerten Sicherheitsanforderungen bis hin zur Implementierung und zum Testfall macht Änderungen überhaupt beherrschbar:

  • Bei Änderungen der Gefährdung: Wird ein Gefährdungsereignis neu bewertet, zeigen die Trace-Links unmittelbar, welche Anforderungen, Architekturelemente, Analysen und Testfälle betroffen sind – und welche unberührt bleiben.
  • Innerhalb der Analysen: Ändert sich ein Architekturelement, müssen die zugehörigen FMEA-Einträge neu bewertet werden. Da Failure Modes aus der FMEA als Basic Events in den Fehlerbaum eingehen, pflanzt sich jede Änderung direkt bis in die FTA fort.

Der Skalierungs-Faktor: Wer diese Querbezüge nicht als digitale Trace-Links pflegt, muss sie bei jeder Änderung mühsam von Hand rekonstruieren. Bei kurzen Zyklen skaliert das nicht: Eine Impact-Analyse, die Wochen an Handarbeit kostet, passt in keinen Sprint. Ohne diese Ketten bedeutet „living" nur, dass ein Dokument häufig editiert wird – und im Sicherheitsnachweis entstehen Lücken, die im Zweifel erst der Assessor findet. Mit ihnen wird aus jeder Änderung eine beantwortbare Frage statt einer Neubewertung auf Verdacht.

Was die Normen und Qualitätsmodelle fordern

Die Normen denken diesen Schritt längst mit. Nachverfolgbarkeit zwischen Anforderungen, Umsetzung und Verifikation fordern alle Sektornormen in der einen oder anderen Form – ob ISO 26262, IEC 62304, EN 50716 oder die DO-178C, welche die Trace-Daten sogar als eigenständiges Arbeitsergebnis führt.

Und nicht nur sie: Auch Prozessqualitätsmodelle verlangen bidirektionale Traceability als Basispraktik: ISO/IEC 330xx (die genormte Assessmentfamilie), Automotive SPICE (ASPICE) (als spezifische Branchenausprägung), CMMI.

Wie durchgängige Traceability in der Praxis aufgebaut wird: von der Werkzeugintegration bis zum Traceability Information Model, zeigt unsere Seite zu Requirements Traceability.

Das Fazit: Wer Prozessreife nachweisen will, kommt an digitaler Traceability ebenso wenig vorbei wie der, der funktionale Sicherheit nachweisen will – und zwar kontinuierlich.

MBSE

Das Ende des statischen Dokuments: Warum die Beweislast sich umgekehrt hat

Die dokumentenzentrierte Safety-Arbeitsweise ist ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Sie stammt aus einer Ära, in der Systeme über ihren Entwicklungszyklus und alle nachfolgenden Lebenszyklusphasen hinweg weitgehend stabil blieben: HARA, Sicherheitskonzept und Safety Case entstanden als reine Textdokumente, wurden zu Meilensteinen eingefroren und galten ab dann als verbindlicher Stand.

Eine ganzheitliche Systementwicklung über den gesamten Lebenszyklus hinweg (gemäß ISO 15288) hält sich heute nicht mehr an diesen starren Rhythmus.

Das Risiko: Späte Änderungen im Systemschnitt

Ein eingefrorenes Dokument ist in dem Moment veraltet, in dem sich der Systemschnitt ändert. Und genau das passiert in der Praxis regelmäßig und spät:

  • Das Szenario: Späte Änderungen am Systemschnitt erzwingen häufig eine vollständige Neubewertung von Hazardous Events – nicht selten wenige Wochen vor dem finalen Design Freeze.
  • Die Konsequenz: Wer seine Gefährdungsanalyse dann als statisches Dokument pflegt, arbeitet zwangsläufig gegen Kopien. Die Konsistenz kann niemand mehr garantieren, und das Projekt gerät in akute Erklärungsnot gegenüber dem Assessor.

Ein Blick in die Normen: Semi-formale Methoden sind längst Pflicht

Dieser Trend ist nicht neu – er zeichnete sich schon vor Jahren in den Anforderungen der Normen ab. Keine von ihnen schreibt zwar ein bestimmtes Werkzeug oder eine konkrete Modellierungssprache vor, aber ein Blick in die Methodentabellen spricht eine deutliche Sprache:

NormSicherheitsstufeEmpfehlung für (semi-)formale Methoden / Modellierung
ISO 26262-8 & -6Ab ASIL CDringend empfohlen (für Spezifikation & SW-Architekturentwurf)
IEC 61508-3Ab SIL 3Dringend empfohlen (Formale Methoden für höchste Stufen)
EN 50716Höhere SIL-StufenDringend empfohlen (Modellierung als eigene Technikgruppe)

Die Luftfahrt hat modellbasierte Entwicklung und Verifikation mit DO-331 bereits 2011 als projektbezogen anwendbares Supplement zu DO-178C kodifiziert.

Die Umkehr der Beweislast

Wer bei hoher Kritikalität rein natürlichsprachlich und dokumentenbasiert arbeitet, weicht schon lange von den dringenden Empfehlungen der Standards ab. Im Audit führt das zu einem Wendepunkt:

Die Beweislast hat sich längst umgekehrt: Wer auf modellbasierte Ansätze verzichtet, muss diese Abweichung gegenüber dem Assessor explizit begründen. Nicht die Modellbasierung ist rechtfertigungspflichtig, sondern ihr Fehlen.

Modellbasiertes Systems Engineering (MBSE) ist damit keine Stilfrage mehr. Es ist die zwingende Voraussetzung dafür, dass Safety-Analysen mit der enormen Änderungsgeschwindigkeit moderner Systementwicklung überhaupt noch Schritt halten können.

Safety & Security

Safety & Security: Zwei Perspektiven auf denselben Systemkontext

Die Gegenwart und Zukunft der funktionalen Sicherheit existiert nicht im Vakuum. Jede Sicherheitsanalyse beginnt zwingend mit der Abgrenzung des Betrachtungsgegenstands: Welches System wird betrachtet, wo verlaufen seine Grenzen und welche Schnittstellen gehören dazu?

Obwohl die verschiedenen Sektornormen hier unterschiedliche Begriffe verwenden und eigene Schwerpunkte setzen, ist die Kernfrage überall identisch: Was gehört zum System – und was nicht?

Systemabgrenzung im Branchenvergleich

Branche / NormBegriff für die AbgrenzungFokus
Automotive (ISO 26262)Item-DefinitionAbgrenzung einer Funktion auf Fahrzeugebene.
Medizintechnik (IEC 62304)ZweckbestimmungZweck des Medizinprodukts und Patientensicherheit im Mittelpunkt.
Maschinenbau (ISO 12100 / IEC 62061)MaschinengrenzeRäumliche, zeitliche und funktionale Limits der Anlage.

Wer diese Systemgrenze zu eng zieht, schiebt sicherheitsrelevante Schnittstellen unbewusst aus dem eigenen Verantwortungsbereich – und stellt im Assessment schmerzhaft fest, dass sich niemand darum gekümmert hat.

Die große Schnittmenge mit der Cybersecurity

Genau an dieser Systemgrenze überschneidet sich die funktionale Sicherheit massiv mit der Cybersecurity (z. B. nach ISO/SAE 21434 und IEC 62443):

  • Derselbe Gegenstand, zwei Blickwinkel: Gefährdungsanalyse (HARA) und Bedrohungsanalyse (TARA) betrachten exakt dasselbe System. Safety schützt die Umwelt vor dem System – sowohl vor unbeabsichtigten Fehlfunktionen als auch unvorhergesehenen Unzulänglichkeiten. Security schützt das System vor der Umwelt – und zwar vor beabsichtigten, böswilligen Angriffen.
  • Wechselwirkungen bei Änderungen: Jede Änderung am System oder seiner Umgebung, aber auch jede neu entdeckte Schwachstelle, wirkt sich potenziell auf beide Disziplinen aus. Ein Security-Patch kann das Zeitverhalten der Software ändern und damit die Safety gefährden; eine neue Safety-Funktion kann neue Angriffsvektoren öffnen.

Fazit für die Praxis: Safety-Engineering, das diese Wechselwirkungen ignoriert und in Silos arbeitet, plant an der Realität vorbei. Nur ein integrierter Ansatz, der auf einer gemeinsamen, modellbasierten Systemarchitektur aufsetzt, stellt sicher, dass Safety und Security Hand in Hand greifen.

Tool-Qualifizierung

Werkzeuge für Functional Safety Engineering: Die Frage „Make or Buy?" neu gestellt

Je mehr Werkzeuge und Automatisierung in den Safety-Lifecycle einziehen, desto öfter stellt sich eine vermeintlich ungemütliche Frage: die der Tool-Qualifizierung (z. B. nach ISO 26262-8, Kapitel 11).

Die Antwort in der Praxis lautet jedoch seltener „immer qualifizieren", als viele Unternehmen annehmen.

Der Qualifizierungs-Kompass: Wann ist ein Tool-Investment nötig?

Ob ein Werkzeug qualifiziert werden muss, entscheidet sich nicht pauschal, sondern entlang einer präzisen Risiko- und Vertrauensbewertung:

  • Fehlereinschleusung (Tool Error): Kann ein Fehler im Werkzeug selbst einen kritischen Sicherheitsfehler in das Produkt oder die Software einschleusen?
  • Fehlererkennung (Tool Detection): Kann das Werkzeug verhindern, dass ein bereits existierender Sicherheitsfehler im Prozess entdeckt wird?
  • Prozessuale Absicherung: Häufig reicht bereits die Absicherung des Prozesses um das Werkzeug herum aus – beispielsweise durch redundante Prüfungen oder Reviews in nachgelagerten Entwicklungsschritten.

Die neue Make-or-Buy-Abwägung

Durch die zunehmende Automatisierung im Safety-Lifecycle wird die Tool-Qualifizierung von einer seltenen, aber lästigen Compliance-Pflicht zu einer wiederkehrenden, strategischen Engineering-Entscheidung:

StrategieWann sinnvoll?Der wirtschaftliche Hebel
Buy (Qualifiziertes Produkt)Bei Standardaufgaben und tief integrierten Entwicklungswerkzeugen (z. B. Compilern, Modellierungswerkzeugen).Der Hersteller liefert das Qualifizierungs-Kit mit. Das spart immense interne Validierungsaufwände.
Make (Eigenes Werkzeug qualifizieren)Bei hochspezifischen, proprietären Inhouse-Skripten oder passgenauen Toolchains, die echten USP generieren.Die Qualifizierung des eigenen Werkzeugs sichert den passgenauen, hocheffizienten Workflow des Teams.

Unser Ansatz als Enabler: Wir helfen Ihnen nicht nur dabei, die passenden Werkzeuge auszuwählen oder zu entwickeln, sondern bewerten gemeinsam mit Ihnen das reale Risiko. Das Ziel ist immer: So viel Automatisierung wie möglich bei so wenig Qualifizierungsaufwand wie nötig.

Teilautomatisierung

Teilautomatisierung: Wo sie den Engineering-Alltag schon heute revolutioniert

Wo bringt Automatisierung im Safety-Lifecycle-Engineering schon heute echten, messbaren Nutzen? Zwei konkrete Praxisbeispiele zeigen den Weg:

1. Die automatisierte Dependent Failure Analysis (DFA)

Ein Paradebeispiel ist die Dependent Failure Analysis. Wer eine ASIL-Dekomposition durchführt (etwa ein ASIL-B-Ziel in zweimal ASIL A(B) aufteilt), muss die strikte Unabhängigkeit der dekomponierten Elemente nachweisen. In der Praxis gehört dieser Beleg – beispielsweise für die Unabhängigkeit von Stromquellen oder Speicherbereichen – zu den aufwändigsten Aufgaben überhaupt.

Hier lässt sich Ingenieurswissen im Zusammenspiel mit moderner KI in eine maschinell prüfbare Form bringen:

  • Die Ontologie als Regelwerk: Die zugrunde liegenden Unabhängigkeitsregeln der Normen werden als eindeutige Ontologie definiert.
  • Kontinuierliche Prüfung: Das Systemmodell wird automatisiert und fortlaufend gegen die Regeln geprüft. Verletzungen fallen sofort auf, wenn sie entstehen – nicht erst Monate später im Review.
  • LLM-Unterstützung als Beschleuniger: Wir nutzen durch Large Language Models (LLMs) generierte Vorschläge, um das in der Ontologie festgehaltene Expertenwissen präzise auf die domänen- und kundenspezifischen Entitäten im System zu mappen.

Der Effekt: Das ersetzt zwar keine vollständige formale Verifikation, reduziert den manuellen Review-Aufwand jedoch drastisch. Dieses Muster – Expertenwissen in Form von prüfbaren Regeln zu formalisieren und kontinuierlich gegen das zentrale Modell laufen zu lassen, ist natürlich auf weitere Safety-Anforderungen übertragbar.

2. Teilautomatisiert erzeugte Redundanz in der Toolchain

Ein weiteres mächtiges Prinzip bricht mit einem alten Dogma: Redundanz war bisher ein extrem teures Mittel zur Fehlervermeidung im finalen Produkt. Durch Teilautomatisierung wird sie zu einem bezahlbaren, hocheffizienten Mittel der Fehleraufdeckung im Entwicklungsprozess.

Das Prinzip im vertikalen Systems- und Software Engineering:

  1. Unabhängige Toolketten: Zwei voneinander unabhängige, teilautomatisierte Toolketten (völlig egal, ob diese teilweise agentisiert, also KI-gestützt, arbeiten oder klassisch regelbasiert sind) leiten dieselben Engineering-Artefakte ab.
  2. Der Abgleich: Entstehen beim anschließenden Testen widersprüchliche Ergebnisse, wird diese Diskrepanz zu einem extrem wertvollen Signal.
  3. Die Fehleraufdeckung: Fehler in den Toolketten oder Missverständnisse in den Spezifikationen werden sofort sichtbar.

Mit diesem Ansatz sichern sich Entwicklungsteams doppelt ab, ohne den doppelten manuellen Aufwand zu haben.

Agentic Engineering

Agentic Safety-Engineering: Nichts für den Kern, aber ein großer Hebel für den Graubereich

Welche Rolle spielen KI-Agenten (Agentic AI) in der funktionalen Sicherheit? Unsere Antwort ist differenziert und basiert auf einer klaren Einteilung des Safety-Lifecycles in drei Zonen:

Drei-Zonen-Modell: Kernbereich mit Nachweisen (KI: kein Zugang), Graubereich mit Vorbereitung und Reviews (KI: intelligenter Zuarbeiter), unkritischer Bereich (KI: frei einsetzbar)

Genau in diesem Graubereich – Tätigkeiten, die die Safety-Arbeit vorbereiten, unterstützen oder beschleunigen, deren Ergebnisse aber selbst keine Nachweise sind – steckt heute der größte Anteil manueller, fehleranfälliger und teurer Arbeit.

  • Im Kernbereich (Nachweise) haben probabilistisch arbeitende Sprachmodelle als eigenständiges Instrument keinen Platz. Ein LLM kann keinen formalen Beweis ersetzen.
  • Im Graubereich entfalten KI-Agenten als intelligente Zuarbeiter mit Human-in-the-Loop schon heute enormen Mehrwert. Der Mensch bleibt verantwortlich, der Agent erweitert seine Sichtweite.

Drei konkrete Use Cases für KI-Agenten im Graubereich

1. Intelligente Review-Unterstützung auf Vollständigkeit

Eine der tückischsten Lücken im Sicherheitsnachweis entsteht, wenn zwar alle Anforderungen erfüllt sind, aber der Nachweis fehlt, dass sie die übergeordneten Sicherheitsziele tatsächlich ausreichend abdecken.

Ob eine Anforderungsmenge ein Sicherheitsziel abdeckt, ist eine Urteilsfrage. Ein LLM kann diese Anforderungsmenge gegen das Sicherheitsziel lesen und das Engineering-Team gezielt auf mögliche Abdeckungslücken hinweisen – etwa auf nicht betrachtete Szenarien oder fehlende Degradationspfade. Der Hinweis füllt keine Lücke im Nachweis, er verhindert, dass sie unbemerkt bleibt.

2. KI-gestützte Recherche mit verschärften Spielregeln

Bei der Recherche von Unfall- und Feldstatistiken (für die Einstufung von Häufigkeit und Schwere in der HARA) scheitern klassische Sprachmodelle oft fatal: Sie erfinden plausible, aber falsche Zahlen.

Unser Ansatz: Der Agent darf hier Quellen auffinden, gegenüberstellen und auf Aktualität vorprüfen – aber er darf keine Statistik aus seinem eigenen Modellwissen generieren. Jede Statistik muss für den Menschen bis zur Primärquelle lückenlos zurückverfolgbar sein.

3. Vorbereitung von Impact-Analysen und Konsistenzprüfungen

Agenten prüfen Artefaktgrenzen und bereiten die Auswirkungsanalyse bei Systemänderungen vor, sodass der Safety-Engineer sofort sieht, wo Handlungsbedarf besteht.

Was bedeutet „Agentisch"? (Die neue Arbeitsteilung)

Dass der Agent keine finalen Entscheidungen trifft, macht ihn nicht zum bloßen Textgenerator. Das Revolutionäre ist seine agentische Arbeitsweise:

Autonomie im Weg, nicht in der Entscheidung: Der KI-Agent plant seinen Lösungsweg selbstständig. Er durchsucht Modelle, prüft Artefakte und iteriert eigenständig über Zwischenergebnisse, bis er dem Ingenieur ein belastbares Arbeitsergebnis vorlegt.

Es ist exakt dieselbe Arbeitsteilung wie zwischen einem verantwortlichen und einem zuarbeitenden Ingenieur: Wer zuarbeitet, arbeitet selbstständig, aber nicht eigenverantwortlich.

Die V&V-Grenze ist die Automatisierungsgrenze

Die V&V-Grenze ist die Automatisierungsgrenze: Verifikation ist teilautomatisierbar, Validierung bleibt menschliche Verantwortung

Hinter dieser Arbeitsteilung steht eine fundamentale Unterscheidung, die die Safety-Normen seit jeher kennen:

  • Verifikation (Teilautomatisierbar): Prüft, ob das System korrekt gegen seine Anforderungen gebaut wurde. Diese Arbeit kann an Teams und Werkzeuge (wie modellbasierte Agenten) delegiert werden.
  • Validierung (Menschliche Verantwortung): Prüft, ob die Sicherheitsziele im realen Betriebskontext tatsächlich erreicht werden. Dies erfordert menschliches Urteil und bleibt beim Verantwortlichen für den Betrachtungsgegenstand – einem Menschen.

Wer diese Grenze verwischt, läuft Gefahr, das Falsche zu automatisieren: Je schneller die Werkzeuge melden, dass alle Anforderungen erfüllt sind, desto leichter bleibt unbemerkt, dass man die falsche Frage beantwortet hat. In der Praxis führt eine unklare Trennung unweigerlich zu Scope-Creep, Verantwortungsdiffusion und Gefährdungsszenarien, die im Anforderungsmodell unsichtbar werden.

SOTIF

SOTIF: Wenn „fehlerfrei" nicht sicher genug ist

Alles bisher Gesagte handelt von Gefährdungen durch Fehlfunktionen: Ein Bauteil fällt aus, ein Signal ist korrupt oder eine Software tut nicht, was sie soll.

Es gibt jedoch eine zweite Klasse von Gefährdungen, bei der absolut nichts ausfällt. Das System arbeitet exakt wie spezifiziert, und trotzdem entsteht eine gefährliche Situation. Die Spezifikation oder die physikalische Leistungsfähigkeit der Funktion reicht schlicht für die reale Situation nicht aus:

  • Das klassische Beispiel: Eine Kamera erkennt ein Hindernis bei tief stehender Sonne oder starkem Schneefall nicht.
  • Die Ursache: Das System ist intakt, aber das Szenario wurde bei der Auslegung nicht bedacht oder die Sensorik stößt an ihre physikalischen Grenzen.

Für diese Klasse steht im Automotive-Umfeld die ISO 21448 (SOTIFSafety of the Intended Functionality).

Auf den Punkt gebracht: Die klassische funktionale Sicherheit fragt: Was passiert, wenn das System nicht tut, was es soll? SOTIF fragt: Reicht das, was das System tun soll, in jeder erdenklichen Situation aus?

Eine Trennung mit realen Konsequenzen, keine akademische

Wer diese beiden Disziplinen vermischt, greift im Engineering unweigerlich zum falschen Werkzeugkasten. Die Herausforderungen könnten nicht unterschiedlicher sein:

DisziplinDie Kern-GefahrWas nicht hilftDie richtigen Werkzeuge
Klassische Safety (z. B. ISO 26262)Fehlfunktionen (Hardware-Ausfälle, Software-Bugs)Blinder Glaube an die SpezifikationDiagnosen, Diversität, Hardware-Redundanz, degradierte Betriebsmodi
SOTIF (ISO 21448)Funktionale Unzulänglichkeiten (Performance-Grenzen, unvorhergesehene Szenarien)Diagnose & gleichartige Redundanz (verdoppelt nur dieselbe Schwäche)Szenarienanalyse, geschärfte Spezifikation, komplementäre Sensorik (Fusion), Validierung im realen Betriebskontext

Teams ohne klare Trennung behandeln eine Performance-Grenze schnell wie eine Fehlfunktion. Sie produzieren teure Maßnahmen, die das eigentliche Problem gar nicht adressieren – während Gefährdungen ohne klares Fehlerbild in einer rein fehlerorientierten Analyse (wie einer klassischen FMEA) komplett unsichtbar bleiben.

Keine Randnotiz, sondern eine notwendige Ergänzung für moderne Systeme

Für die Frage, wohin sich Functional Safety Engineering entwickelt, ist SOTIF weit mehr als eine Randnotiz. Die Grundidee ist zwar in anderen Branchen unter anderem Namen bekannt:

  • Die Luftfahrt prüft seit Jahrzehnten auf Systemebene den Betriebskontext.
  • Die Medizintechnik bewertet Risiken der Zweckbestimmung unabhängig von Gerätefehlern.
  • Der Maschinenbau bezieht die vorhersehbare Fehlanwendung in die Risikobeurteilung ein.

Neu an der ISO 21448 ist jedoch die strikte Systematik für Performance-Grenzen komplexer Wahrnehmungsfunktionen: die mathematisch-methodische Aufteilung in bekannte/unbekannte sowie sichere/unsichere Szenarien.

Genau diese Systematik gewinnt branchenübergreifend massiv an Bedeutung, da lernende Komponenten (KI / Machine Learning) zunehmend in sicherheitsrelevante Funktionen einziehen.

Der Grund: Machine-Learning-Funktionen besitzen keine Spezifikation im klassischen Sinn. Ihre Schwächen sind prinzipbedingte Performance-Grenzen, keine Fehlfunktionen. Das Schwergewicht der Sicherheitsarbeit verschiebt sich damit in allen Domänen unaufhaltsam von der reinen Fehlerbeherrschung hin zur systematischen Absicherung der Sollfunktion.

DISCLAIMER: Die Aussagen auf dieser Seite beziehen sich auf folgende Normen und Standards: IEC 61508 (zweite Edition, 2010), ISO 26262:2018 (zweite Edition), ISO 21448, ISO 12100, IEC 62304, IEC 60601, ISO 80601, ISO 25119, IEC 62061, EN 50716, EN 50129 sowie DO-178C einschließlich des Supplements DO-331. Diese Seite ersetzt keine normative Lektüre und stellt keine Zertifizierungsberatung dar.

Häufige Fragen

Häufige Fragen zu ISO 26262 und IEC 61508

Was ist der Unterschied zwischen ISO 26262 und IEC 61508?
IEC 61508 ist die übergreifende Grundnorm für funktionale Sicherheit elektrischer und elektronischer Systeme, branchenunabhängig, mit SIL 1 bis SIL 4 als Risikostufen. ISO 26262 ist die automotive Ableitung davon, zugeschnitten auf Straßenfahrzeuge mit dem ASIL-Schema (A bis D) und spezifischen Entwicklungsanforderungen für OEMs und Supplier.
Was bedeutet ASIL und wie wird es bestimmt?
ASIL steht für Automotive Safety Integrity Level (A bis D, plus QM für nicht-sicherheitsrelevante Funktionen). Er wird in der HARA aus drei Faktoren abgeleitet: Severity (Schwere des Schadens), Exposure (Häufigkeit der gefährlichen Situation) und Controllability (Beherrschbarkeit durch den Fahrer). ASIL D ist die höchste Anforderungsstufe.
Was ist ein Safety Case?
Der Safety Case ist das zentrale Nachweis-Dokument, das belegt, dass ein System sein Sicherheitsziel mit ausreichender Zuversicht erfüllt. Er bündelt Argumente, Belege und Analysen aus dem gesamten Entwicklungsprozess: von der HARA über Architekturentscheidungen bis zu Testergebnissen, und ist das primäre Audit-Artefakt gegenüber Behörden und Kunden.
Wann muss ein Werkzeug nach ISO 26262 qualifiziert werden?
Eine Werkzeugqualifizierung ist erforderlich, wenn ein Fehler im Werkzeug unentdeckt in das Sicherheitsprodukt einfließen kann (Tool Confidence Level TCL 2 oder 3). Die Entscheidung hängt von drei Faktoren ab: Tool Error (mögliche Fehler), Tool Impact (Einfluss auf das Sicherheitsergebnis) und Tool Error Detection (Erkennbarkeit durch Prozess oder Prüfung).
Was ist SOTIF und warum ist es relevant?
SOTIF (ISO 21448, Safety Of The Intended Functionality) adressiert Situationen, in denen ein System fehlerfrei funktioniert, aber trotzdem unsicheres Verhalten zeigt, etwa weil ein Fahrerassistenzsystem eine seltene Verkehrssituation falsch interpretiert. Im Gegensatz zur klassischen funktionalen Sicherheit, die Hardware- und Softwarefehler adressiert, fokussiert SOTIF auf Unzulänglichkeiten in der Systemspezifikation selbst. Besonders relevant für KI- und ML-basierte Systeme.
Unsere Experten
Dr. Alexander Nyßen

Executive Vice President Digital Engineering · itemis AG

Dr. Alexander Nyßen ist seit 2003 auf Model-Based Systems Engineering (MBSE), modellbasierte Entwicklung sowie die Integration von Engineering-Werkzeugen spezialisiert. Er unterstützt Unternehmen dabei, modellbasierte Methoden und Werkzeuglandschaften für die Entwicklung komplexer cyber-physischer Systeme erfolgreich einzuführen und nachhaltig zu etablieren. Im strategischen Produktmanagement verantwortet er die Lösungen itemis ANALYZE und itemis SECURE mit Schwerpunkt auf Requirements Traceability, funktionaler Sicherheit und Cybersecurity.
Sebastian Ruppel

Senior Systems Engineer · itemis AG

Sebastian Ruppel ist Senior Systems Engineer bei itemis und blickt auf insgesamt 10 Jahre Erfahrung im Systems Engineering zurück. Sein Schwerpunkt liegt darin, Kunden zu befähigen, ihre Systeme teilautomatisiert auf Funktionale Sicherheit, Cybersecurity- und weitere Qualitätsanforderungen hin zu verifizieren – unter anderem in Projekten nach ISO 26262 und IEC 61508. Dabei verbindet er Methodenwissen aus dem Systems Engineering mit werkzeuggestützten Analyse- und Verifikationsworkflows.
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