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Safety Case (Sicherheitsnachweis)

Ein Safety Case (Sicherheitsnachweis) ist die strukturierte Argumentation, dass ein System in seinem Einsatzkontext hinreichend sicher ist — gestützt auf nachvollziehbare Evidenzen aus dem Entwicklungsprozess. Die ISO 26262 fordert ihn als zentrales Arbeitsergebnis für sicherheitsrelevante E/E-Systeme. Entscheidend ist: Ein Safety Case ist keine bloße Dokumentensammlung, sondern ein Argument — er muss begründen, warum die vorgelegten Belege die Sicherheitsziele tatsächlich abdecken.

Woraus besteht ein Safety Case?

Ein tragfähiger Safety Case verbindet drei Elemente, die aufeinander aufbauen:

ElementFrageBeispiel
Behauptungen (Claims)Was wird als sicher behauptet?„Das Sicherheitsziel ‚Ungewolltes Bremsen vermeiden’ (ASIL D) ist erreicht."
Argumentation (Argument)Warum folgt die Behauptung aus den Belegen?„Alle abgeleiteten Sicherheitsanforderungen sind umgesetzt und verifiziert; die Restfehlerbetrachtung liegt innerhalb der Zielwerte."
Evidenzen (Evidence)Welche Belege stützen das Argument?HARA, Sicherheitsanalysen (FMEA, FTA), Reviews, Testergebnisse, Metriken

Fehlt eines der drei Elemente, kippt der Nachweis: Evidenzen ohne Argument sind ein unstrukturierter Dokumentenberg, Argumente ohne Evidenzen bloße Behauptung.

Safety Case in der ISO 26262

Die ISO 26262 verankert den Safety Case im Safety Management (Teil 2): Er wird schrittweise über den Sicherheitslebenszyklus aufgebaut und bündelt die Arbeitsergebnisse der Entwicklung — von der Item-Definition und der HARA über das funktionale und technische Sicherheitskonzept bis zu Sicherheitsanalysen, Verifikationsberichten und Testergebnissen. Vor der Freigabe prüfen unabhängige Instanzen den Safety Case im Rahmen der Bestätigungsmaßnahmen (Confirmation Measures); je nach ASIL gelten dabei unterschiedliche Anforderungen an die Unabhängigkeit der Prüfer.

Das Konzept ist dabei älter und breiter als die Automobilindustrie: Auch andere sicherheitskritische Branchen — etwa die Bahntechnik — fordern explizit strukturierte Sicherheitsnachweise. Die Grundidee ist überall dieselbe: Sicherheit wird nicht unterstellt, sondern argumentiert.

Wie wird die Argumentation dargestellt?

Für die Struktur der Argumentation hat sich neben textuellen und tabellarischen Formen die Goal Structuring Notation (GSN) etabliert: eine grafische Notation, in der übergeordnete Ziele über Strategien in Teilziele zerlegt werden, bis jedes Blatt der Struktur durch eine konkrete Evidenz belegt ist. Der Vorteil einer expliziten Notation: Lücken in der Argumentation — ein Ziel ohne Beleg, ein Beleg ohne Bezug — werden sichtbar, bevor der Assessor sie findet.

Safety Case in der Praxis: Evidenzen leben in vielen Werkzeugen

Die größte praktische Hürde ist selten die Argumentationsstruktur, sondern die Evidenzlage: Anforderungen liegen im Requirements-Management-Werkzeug, Sicherheitsanalysen in Spezialwerkzeugen, Architekturmodelle im MBSE-Tool, Testergebnisse in der CI-Pipeline. Ein als statisches Dokument gepflegter Safety Case ist in dem Moment veraltet, in dem sich eines dieser Artefakte ändert — und späte Änderungen sind in realen Projekten die Regel, nicht die Ausnahme. Tragfähig wird der Nachweis erst, wenn die Argumentation über Trace-Links direkt auf die aktuellen Arbeitsergebnisse verweist: Dann zeigt jede Änderung sofort, welche Teile der Argumentationskette neu bewertet werden müssen — und welche unberührt bleiben.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Safety Case und Sicherheitskonzept?
Das Sicherheitskonzept spezifiziert vorab, welche Sicherheitsanforderungen und Maßnahmen ein System erfüllen muss — es ist der Plan. Der Safety Case argumentiert mit Evidenzen aus der tatsächlichen Entwicklung, dass diese Anforderungen erreicht wurden — er ist der Nachweis. Das Sicherheitskonzept ist damit selbst eine der Quellen, aus denen der Safety Case schöpft.
Wann entsteht der Safety Case?
Nicht erst am Projektende. Die ISO 26262 sieht vor, dass der Safety Case schrittweise über den gesamten Sicherheitslebenszyklus aufgebaut wird: Jedes fertiggestellte Arbeitsergebnis — von der HARA über Sicherheitsanalysen bis zu Testergebnissen — fließt als Evidenz ein. Wer erst kurz vor dem Assessment beginnt, muss die Argumentationskette mühsam rückwärts rekonstruieren.
Was ist die Goal Structuring Notation (GSN)?
GSN ist eine grafische Notation, um Sicherheitsargumentationen explizit darzustellen: Ziele (Goals) werden über Strategien in Teilziele zerlegt, bis sie durch konkrete Evidenzen (Solutions) belegt sind. Sie macht die Argumentationsstruktur eines Safety Case prüfbar — verbreitet sind daneben auch tabellarische und textuelle Darstellungen.

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Fachlich geprüft von Dr. Alexander Nyßen, Executive Vice President Digital Engineering am 20. Juli 2026