SysML v2
SysML v2 (Systems Modeling Language v2) ist der von der OMG (Object Management Group) standardisierte Nachfolger von SysML v1. Es handelt sich um einen bewussten Neuanfang, nicht um ein inkrementelles Update: v2 basiert auf einem eigenen Metamodell (KerML) statt auf einem UML-Profil, stellt eine textuelle Notation gleichberechtigt neben die grafische und definiert eine standardisierte API für den werkzeugübergreifenden Modellzugriff.
Kein UML-Profil mehr: KerML
SysML v1 hat sein Fundament von der UML 2 geerbt, und mit ihm viele softwarespezifische Konzepte und Behelfslösungen, die zum Systems Engineering nie richtig passten. SysML v2 legt dieses Erbe ab. Die Sprache baut auf KerML (Kernel Modeling Language) auf, einer eigens entworfenen Basissprache mit formaler Semantik. Die praktische Konsequenz: Modellelemente haben eine präzise, maschinell interpretierbare Bedeutung. Das macht Modelle deutlich besser zugänglich für automatisierte Analysen, Konsistenzprüfungen und Werkzeug-Interoperabilität als ihre v1-Gegenstücke.
Das Definition/Usage-Prinzip
Die gesamte v2-Sprache ruht auf einem Muster: Definitionen beschreiben wiederverwendbare Konzepte (part def Engine), Verwendungen (Usages) beschreiben ihr Vorkommen in einem konkreten Kontext (part engine : Engine). Dieses eine Muster gilt einheitlich für Struktur, Verhalten, Anforderungen und Constraints. Es ersetzt eine Reihe impliziter Unterscheidungen, die v1-Modellierer fallweise lernen mussten, etwa den Unterschied zwischen einem Block und einer Part Property. Wer Definitionen und Verwendungen verstanden hat, versteht das Konstruktionsprinzip der ganzen Sprache.
Textuelle und grafische Notation
In v1 war die grafische Notation die Sprache; der Modellaustausch lief über XMI-Exporte von schwankender Qualität. In v2 steht eine textuelle Notation gleichberechtigt neben der grafischen. Modelle lassen sich wie Quellcode versionieren, diffen und reviewen. Damit halten etablierte Praktiken der Softwareentwicklung (Versionskontrolle, Merge Requests, Code Review) Einzug in Systemmodelle. Diagramme werden zu Sichten auf das Modell statt das Modell selbst zu sein.
Standardisierte API
SysML v2 spezifiziert eine standardisierte API für den Modellzugriff. Werkzeuge, Skripte und Analyse-Pipelines können Modelle lesen und ändern, ohne über eine herstellerspezifische Schnittstelle zu gehen. Das ist ein wesentlicher Schritt gegen Vendor-Lock-in und für die herstellerunabhängige Toolchain-Integration. Zugleich senkt die API die Einstiegshürde für Automatisierung und KI-Unterstützung im MBSE.
Was sich gegenüber v1 ändert
| SysML v1 | SysML v2 |
|---|---|
| Block | Part Definition (part def) |
| Part Property | Part Usage (part) |
| Vier historisch angesammelte Port-Varianten (Standard-Port, FlowPort, ProxyPort, FullPort) | Ein vereinheitlichter Port-Mechanismus |
| Anforderungen als annotierte Modellelemente | Anforderungen als überprüfbare Constraints |
| Praktisch nur binäre Konnektoren | Verbindungen, einschließlich n-ärer Verbindungen zwischen mehr als zwei Enden |
| Grafische Notation plus XMI-Austausch | Textuelle und grafische Notation, standardisierte API |
Migration von v1 zu v2
Die Migration ist eine konzeptionelle Übersetzung, keine mechanische Element-Abbildung. Manche v1-Konstrukte lassen sich sauber übertragen, andere (etwa die vier Port-Typen) gehen in einem einzigen v2-Mechanismus auf, und manche v2-Konzepte haben gar kein v1-Gegenstück. Für neue Programme gilt SysML v2 als die strategisch richtige Wahl. Teams mit substanziellem v1-Modellbestand planen besser einen Übergang mit Koexistenzphase statt eines harten Schnitts: Bestehende v1-Modelle bleiben gültig und lassen sich schrittweise migrieren, sobald Zielmethodik und Tooling geklärt sind.


