TIM (Traceability Information Model)
Ein Traceability Information Model (TIM) definiert, welche Artefakttypen eines Entwicklungsprozesses durch welche Beziehungstypen verbunden sein müssen — der verbindliche Bauplan für Requirements Traceability. TIMs sind versioniert, damit Trace-Links auditierbar gegen eine definierte Modellversion validiert werden können.
Was legt ein TIM fest?
Ein TIM beantwortet drei Fragen, bevor der erste Trace-Link gesetzt wird:
| Frage | Beispiel |
|---|---|
| Welche Artefakttypen gibt es? | Stakeholder-Anforderung, Systemanforderung, Architekturelement, Implementierung, Testfall, Testergebnis |
| Welche Beziehungstypen verbinden sie? | wird verfeinert durch, wird erfüllt durch, wird verifiziert durch |
| Welche Verbindungen sind verpflichtend? | Jede Systemanforderung braucht mindestens einen verifizierenden Testfall |
Erst diese Festlegung macht Lücken-Analysen möglich: Ohne Modell lässt sich nicht entscheiden, ob ein fehlender Link eine echte Lücke ist oder schlicht nie gefordert war. Coverage-Analysen prüfen immer gegen das TIM.
Warum versioniert und mit Provenienz?
Entwicklungsprozesse ändern sich — neue Artefakttypen kommen hinzu, Beziehungstypen werden verfeinert. Damit Nachweise belastbar bleiben, tragen Verknüpfungen (Assertions) im Traceability-Graph eine Provenienz zur TIM-Version, gegen die sie validiert wurden. So bleibt für Auditoren nachvollziehbar, nach welchem Regelwerk ein Nachweis entstanden ist — und die strukturierte, maschinenlesbare Form macht den Traceability-Graphen zugleich auswertbar für KI-gestützte Analysen.
TIM und Normen: Tailoring statt Übernahme
Normen wie ISO 26262, IEC 62443 oder Automotive SPICE fordern nachvollziehbare Beziehungen zwischen Artefakten, liefern aber kein fertiges Modell für die konkrete Organisation. Das TIM entsteht durch Tailoring: Aus den regulatorischen Anforderungen, der realen Tool-Landschaft und den Prozessen des Unternehmens wird festgelegt, welche Artefakte verbunden sein müssen, welche Beziehungstypen relevant sind und wie Änderungen dokumentiert werden.
TIM in der Praxis
Das TIM ist der Punkt, an dem Traceability vom guten Vorsatz zur prüfbaren Methodik wird: Es macht aus einer Sammlung von Links ein validierbares Modell. In Projekten mit fragmentierten Tool-Landschaften (Anforderungen in DOORS oder Polarion, Modelle in MBSE-Werkzeugen, Code in GitLab) definiert das TIM zugleich, welche Werkzeuggrenzen die Traceability-Schicht überbrücken muss.


