Aufzeichnung
Unternehmen, die ihre geschäftskritischen Prozesse auf der Camunda 7 Community Edition betreiben, stehen vor einer Zäsur: Mit dem erreichten End of Life (EOL) im Jahr 2025 entfallen künftig Sicherheitsfixes, Updates und technologische Weiterentwicklungen. Während der Hersteller Camunda 8 als Cloud-zentriertes Nachfolgeprodukt mit neuem Lizenzmodell positioniert, schrecken viele IT-Entscheider vor den massiven Migrationsaufwänden und den veränderten Betriebskosten zurück. Die Antwort der Open-Source-Community ist OPERATON – ein Fork, der die bewährte Architektur von Camunda 7 bewahrt, technisch modernisiert und Entwicklern ein freies, nachhaltiges Zuhause für BPMN-Prozesse bietet.
In dieser Runde begrüßt Moderator Felix Lerche zwei treibende Kräfte hinter dem Projekt: Tim Zöller, Gründer der lambdaschmiede GmbH, ist Initiator und Core Contributor von OPERATON. Er schildert, wie der Wunsch nach Investitionsschutz für langlaufende Prozesse zur Gründung des Forks führte. Ihm gegenüber steht Karsten Thoms, Principal Software Engineer bei der itemis AG und ebenfalls zentraler Contributor, der die technische Transformation der Engine verantwortet. Gemeinsam zeigen sie auf, wie OPERATON technische Schulden abbaut, ohne die Kompatibilität zu bestehenden Anwendungen zu gefährden.
Zentrale Erkenntnisse zur BPMN-Migration mit OPERATON
- Nahtloses Drop-in-Replacement: OPERATON erhält das Datenbankschema sowie die REST- und Plugin-APIs von Camunda 7, wodurch bestehende Applikationen mit minimalem Aufwand migriert werden können.
- Konsequente Modernisierung: Durch den Schnitt alter Java-EE-Zöpfe und Applikationsserver-Abhängigkeiten wurde die Engine für moderne Frameworks wie Quarkus oder Spring Boot 4 optimiert.
- Transparente Governance: Die Gründung eines Vereins und die Nutzung von “Architecture Decision Records” (ADRs) garantieren eine community-getriebene Weiterentwicklung ohne einseitige kommerzielle Dominanz.
- Zukunftssicheres Ökosystem: Ein wachsendes Netzwerk aus Service-Providern bietet Unternehmen die notwendige Rechtssicherheit und Support-Garantien (SLAs) für den produktiven Einsatz im Enterprise-Umfeld.
Strategische Modernisierung: Den “Oldtimer” zum Rennwagen tunen
Die Herausforderung beim Forken einer über 15 Jahre gewachsenen Codebasis liegt in der Balance zwischen Stabilität und notwendigem Refactoring. OPERATON verfolgt hierbei den Ansatz eines Tuning-Spezialisten: Die bewährte, robuste Substanz bleibt erhalten, während die “inneren Werte” auf den aktuellen Stand der Technik gehoben werden.
Bereinigung der Java EE-Abhängigkeiten
Ein entscheidender Schritt der Modernisierung war die Entfernung veralteter Java-EE-Zöpfe. Während Camunda 7 aus Rücksicht auf Bestandskunden oft an alten Applikationsserver-Standards festhalten musste, konnte OPERATON diesen Cut vollziehen. Sämtliche Dependencies wurden aktualisiert, was nicht nur die Performance verbessert, sondern auch die Sicherheit und Wartbarkeit in modernen Cloud-Native-Umgebungen erhöht.
Interoperabilität als Leitmotiv
Für Software-Architekten ist die langfristige Planbarkeit essenziell. OPERATON setzt auf maximale Kompatibilität mit kommenden Standards wie Spring 7 und Spring Boot 4. Ziel ist es, dass die Engine auch in fünf oder zehn Jahren nahtlos mit den dann gängigen Frameworks zusammenarbeitet. Damit wird das Risiko vermieden, in einer technologischen Sackgasse zu landen, nur weil die zugrunde liegende Engine nicht mit der restlichen Infrastruktur mitwächst.
Governance und die Unabhängigkeit der Open-Source-Community
Ein freies Projekt ist nur so stark wie seine Unabhängigkeit. Um zu verhindern, dass OPERATON zwischen den Interessen einzelner Firmen aufgerieben wird, setzt das Kernteam auf eine dezentrale und transparente Struktur.
Rechtssicherheit durch Vereinsgründung
Die geplante Gründung eines Vereins stellt sicher, dass die Trademarks, die Wort-Bildmarke sowie die GitHub-Repositories in der Hand der Community liegen. Dies entzieht dem Projekt den Zugriff durch Einzelpersonen oder profitorientierte Unternehmen und schafft das notwendige Vertrauen für Großunternehmen und den KRITIS-Sektor, die auf eine neutrale Plattform angewiesen sind.
Das Ökosystem der Service-Provider
Da Enterprise-Kunden oft eine “Nummer zum Anrufen” benötigen, formiert sich rund um OPERATON ein Netzwerk aus spezialisierten Dienstleistern. Diese bieten professionellen Support, aktives Security-Monitoring und individuelle SLAs an. Diese Struktur ähnelt dem erfolgreichen Modell von PostgreSQL: Ein freier Kern, getragen von einer starken Community, ergänzt durch kommerzielle Experten für den industriellen Einsatz.
Technologische Vision: KI-Integration und Prozess-Mining
Obwohl OPERATON im Kern auf Stabilität setzt, bietet die Plattform Raum für Innovationen – insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz und der datengetriebenen Optimierung.
KI als intelligenter Prozess-Assistent
Die Vision sieht KI nicht zwingend innerhalb der Engine, sondern als mächtiges Werkzeug in der Peripherie. Denkbar sind spezialisierte Service-Tasks, die LLMs (Large Language Models) anbinden, um beispielsweise personifizierte E-Mails zu formulieren oder komplexe Entscheidungen vorzubereiten. Ein geplanter “Model Context Protocol Server” soll es zudem ermöglichen, dass KI-Agenten direkt mit der Engine interagieren können, um Prozesszustände abzufragen.
Intelligentes Prozess-Mining und Hotspot-Analyse
Durch die Analyse historischer Prozessdaten können KI-gestützte Tools Hotspots und Schwachstellen in den Abläufen identifizieren. OPERATON dient hierbei als hochwertige Datenquelle. Anstatt Prozesse rein aus Fließtexten zu generieren – was den wertvollen Diskurs zwischen Fachabteilung und IT oft unterbindet –, unterstützt die Technologie bei der kontinuierlichen Optimierung bereits modellierter und produktiver Abläufe.
Moderation
Speaker
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Tim ZöllerGründer und Architekt, lambdaschmiede GmbH
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Karsten ThomsPrincipal Software Engineer, itemis AG
Weiterführende Infos
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